Deutsch-Indische Kulturgesellschaft e.V. Tübingen
Willkommen > Indische Tänze > Bharata Natyam

Bharata Natyam

Bharata Natyam ist einer der bekanntesten klassischen indischen Tanzstile. Er ist eine ganzheitliche Ausdrucksform, in der Tanz, Schauspiel und Musik gleichwertig behandelt werden und zusammen eine homologe Einheit bilden. Seine Technik wurde über Jahrtausende gehütet, gepflegt und im Laufe der Zeit immer mehr verfeinert und geläutert, jedoch stets unter Beibehaltung bestehender Grundelemente und Regeln. Bharata Natyam ist charakteristisch für den Süden Indiens, seine Zentren befinden sich in Tamil Nadu und Karnataka.

 

Zur Deutung des Namens Bharata Natyam gibt es mehrere Versionen. Eine davon ist „Tanz nach den Richtlinien von Bharata“. Bharata wiederum ist der Name eines mystischen Autors, der als Verfasser des Natyashastra (Natya = Tanz und Shastra = Wissenschaft) angesehen wird, in dem alle wesentlichen Grundlagen dieses Tanzes festgelegt sind. Andererseits ist Bharata ein alter vedischer Name, ursprünglich wohl die Bezeichnung eines indo-europäischen Arya-Stammes. So gab es eine ynastie der Bhratas, der Könige, eine arische militärische Demokratie, deren Taten Grundlage des Epos Maha-Bharata sein dürften. Einige Autoren gehen soweit, das Wort Bharata aus den Anfangssilben der wesentlichen Bestandteile des Tanzes zu deuten: Bha = Bhava (Ausdruck emotionaler Stimmung, Ra = Raga (melodische Struktur), Ta = Tala (Rhythmusstruktur). 

Über die Entstehungszeit des Natyashastra gehen die Meinungen weit auseinander, einige Historiker datieren das Werk vor unsere Zeitrechnung, andere erst in das 4. oder 5. Jahrhundert. Aufgrund neuerer Forschungsergebnisse nimmt man an, dass das Natyashastra nicht einem Autor alleine zuzuschreiben ist, sondern eine Sammlung von Schriften mehrerer anonymer Autoren darstellt, die über Jahrhunderte verschiedene Beiträge lieferten, wobei die ersten Aufzeichnungen wohl bereits im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung entstanden sein dürften.

Ein bedeutendes Zentrum des Tanzes lag im Lande er Tamilen und erreichte unter der Chola-Dynastie seinen Höhepunkt. Eine Reihe von Skulpturen, die Figuren dieses Tanzes darstellen, finden sich im Rajarajesvara-Tempel in der damaligen Hauptstadt Tanjore, sowie in Chidambaram und Kumbakonam. In der Zeit bis zum 14. Jahrhundert erlebte dieser klassische Tanz seinen letzten Höhepunkt, er galt als ein in sich vollkommender göttlicher Tanz und wurde aufgrund seiner äußersten Perfektion und unvergleichlichen Technik als Sinnbild der unsterblichen Natur angesehen. Die zu dieser Zeit in ihrer Hochblüte stehende Bhakti-Bewegung (Gottesliebe) beeinflusste die Thematik des Tanzes. Ihm, sowie den „Devadasis“ genannten Tempel-Tänzerinnen wurde große Achtung entgegenbebracht, sie standen unter der Obhut des jeweiligen Herrschers. Der ursprüngliche Name des Tanzes war daher auch Dasi Attam, d.h. Tanz der Devadasis.

Die Tänzerinnen und Musiker erhielten ihre Ausbildung im Tempelbezirk. Es ist sicher nicht richtig, wie häufig behauptet wird, dass dieser Tanz mit dem Untergang der Hoysala-Kultur durch die Moslems im 14. Jahrhundert in Vergessenheit geriet. Im Gegenteil, besonders die Herrscher von Vijanagara (Hampi), die wesentliche politische Zielsetzungen ihrer Vorgänger übernahmen, bauten Theater und Schulen speziell zur Erhaltung und Unterrichtung dieses Tanzes. Erst im späten Mittelalter fiel der Tanz langsam einem sozialen Vorurteil der Bevölkerung zum Opfer, er verlor seine göttliche Würde und sank auf die Stufe einfacher Unterhaltung. Das heute übliche Repertoire es Solotanzes wurde vorwiegend von den vier Brüdern und Tanzmeistern Chinnaya, Ponnaya, Vadivelu und Shivanandam zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Tanjore geschaffen.


Die“Choreographie“ des Bharata Natyam.

Die Karanas, von denen die meisten als Reliefs im Shiva Nataraja-Tempel in Chidambaram dargestellt sind, gelten als die grundlegenden Tanzposen des Bharata Natyam. Von ihnen gibt es laut Natyashastra insgesamt 108, wegen ihrer Schwierigkeit werden jedoch nicht alle ausgeführt. Basierend auf diesen Karanas gibt es 16  Adavus, die die Basis-Tanzeinheiten darstellen und sich aus Körperhaltung (Shanaka) und Bewegung (Cari) zusammensetzen.

Beim Bharata Natyam werden die einzelnen Tänze in der Regel in 6 Themenbereiche gegliedert, die sich aus der Zusammensetzung der Komponenten Nritta und Abhinaya ergeben, d.h. dem nicht-erzählenden Tanz (Nritta) und dem erzählenden Tanz (Nritya). Da in letzterem sehr oft auch Sequenzen von Nritta vorkomme, wird er zur Abgrenzung eben als Abhinaya (Abhin-ni = hinführen) bezeichnet, ein Tanz, der ausschließlich Mimik und Gestik als erzählendes Ausrucksmittel umfasst.

Die 6 Themenbereiche sind:

1.      Alarippu, bestehend aus einem reinen Tanz (Nritta). Er wird nur von einem Rhythmusinstrument  begleitet und beinhaltet daher nur ein Tala. Er dient zur „Aufwärmung“ der Tänzerin und ist eine Huldigung an Gott, den Guru und die Zuschauer.

2.      Jatiswaram, ist die erste musikalische Komposition es Tanzes (Tala und Raga, ist aber auch wie der obige Bereich ein Nritta.

3.      Shabdam, das heißt Erzählung, ist ein lyrischer Tanz und gehört zur Gruppe der Abhinaya, er stellt eine einfache Form des Ausdruckstanzes dar. 

4.      Vanam (=Farbe), ist das vollendete Beispiel der Bharata Natyam-Kunst und zeigt dessen ganze tänzerische Vielfalt. Dieser Teil besteht aus Nritta und Abhinaya, d.h. Gesang und Schrittkombinationen wechseln sich ab. Er gilt als komplexeste musikalische Komposition der karnatischen Musik und lässt sowohl der Tänzerin wie auch den Musikern einen großen Spielraum bei der Interpretation. Besonders von der Tänzerin werden höchste Konzentration, Koordination der Körperbewegungen und eine vollendete mimische Darstellung der Gefühlsregungen gefordert.

5.      Padam, ist ein reiner Abhinava. Besonders in diesem Teil wird das Thema Gottesliebe (Bhakti) in seiner schönsten und feinsten Ausdrucksformen dargestellt. Es ist ein lyrischer Gesang mir romantischen Liebesgeschichten aus der Götterwelt oder Geschichten von Krishna und seiner Mutter. Im Vergleich zum Varnam ist dieser Teil ruhig und lebt von den feinen Nuancen in Gestik und Mimik.

6.      Tillana ist wiederum ein reiner Tanz (Nritta), in dem besonders der Rhythmus stark ausgeprägt ist. Die eingangs einfachen Bewegungen werden zusehend komplexer, variationsreicher und dynamischer und enden in einem brillianten Finale.

 

Neben dieser klassischen Sechsergliederung gibt es noch einige bedeutende, oft aufgeführte Tänze mit zum Teil sehr eigenständigem Aufbau.

Die Körpersprache (Angikam) unterteilt sich in die folgenden 4 Hauptbereiche:


1.      9 Kopfhaltungen und Kopfbewegungen (Shiro Bhedas)

 

2.      Mimik und Gesichtsausdruck (Mukhaja-Abhinaya), die sich wiederum unterteilen lassen in:

a)      8 Grundstellungen der Augen (Drishti Bhedas)

b)      9 Arten der Blicke (Rasa Drishtis) und

     10 Arten des Gefühlsausdrucks durch Blicke (Sanchari Bhava Drishtis)

c)      6 Bewegungen von Mund und Gesicht (Asya Bhedas)

d)      6 Bewegungen der Nase (Nasa Bhedas)

 

3.      Handgesten (Hasta Mudras)

a)      28 (32) Einzlhandgesten (Asamayuta Hastas)

 

b)      24 Doppelhandgesten (Samyuta Hastas)

 

4.      Fuß- und Beinhaltungen (Pada Bhedas)

 

Den Handgesten kommt im Bharata Natyam die größte Bedeutung zu. Sie werden im Tanz als eigentliche Ausdrucks- und Zeichensprache gebraucht und können wie Worte und Sätze zusammengefügt werden. Ohne sie wäre die Sprache der Körpergestik und Mimik undenkbar. Mit den Händen können jedoch nicht nur Worte gebildet werden, sondern verschiedene Dinge repräsentativ dargestellt werden, wie z.B. Personen, Tiere, Pflanzen, Orte, Elemente usw. Die Gesten dienen weiterhin zur Widergabe unterschiedlicher literarischer Themen und können oft nur in diesem Zusammenhang verstanden werden. Viele Gesten erhalten ihre gewünschte Aussage erst in Verbindung mit der Körpersprache; im Nritta besitzen sie nur ästhetische Bedeutung und keinerlei literarische Aussage.

Die 28 Einhandgesten (Asamayuta Hastas) sind:

 

Die 28 Einhandgesten (Asamayuta Hastas) sind:

 

 1. Pataka (Flagge)                                                   15. Padmakosha (Lotosblütenschaft)

 2. Tripataka (Wimpel)                                              16. Saparshirsha (Schlangenkpf)

 3. Ardhapataka (Halbflagge)                                    17. Mrigashirsha (Tiergesicht)

 4. Kartarimukha (Schere)                                        18. Simhamukha (Löwengesicht)

 5. Mayura (Pfau)                                                      19. Langula (Kuhschwanz)

 6. Ardhachandra (Halbmond)                                  20.  Alapadma (Lotosblüte)

 7. Arala (Knick)                                                        21. Chatura (Viereck)

 8. Shukatunda (Papageienkopf)                              22. Bhramara (Biene)

 9. Mushti (Faust)                                                      23. Hamsasya (Schwan)

10. Shikara (Berggipfel)                                            24. Hamsapaksha (Schwanenflügel)

11. Kapittha (Frucht)                                                 25. Sandamsa (Zange)

12. Katakamukha (Öffnung des Armreifs)               26. Mukula (Knospe)

13. Suchi (Nadel)                                                      27. Tamrachudra (Hahn)

14. Chandrakale (Mondsichel)                                  28. Trishula (Dreizack)


Die 24 Doppelhandgesten (Samyuta Hastas) sind:

 

 

  1. Anjali (Begrüßung)                                              13. Chakra (Diskus)

  2. Kapota (Taube)                                                   14. Samputa (Schachtel)

  3. Karkata (Krebs)                                                  15. Pasha (Schnur)

  4. Swastika (Kreuz)                                                 16. Kilika (Bund)

  5. Dola (hängend)                                                   17. Matsya (Fisch)

  6. Pushpaputa (eine handvoll Blumen)                   18. Kurma (Schidkröte)

  7. Utsanga (Umarmung)                                         19. Vahara (Eber)

  8. Shivalinga (Symbol Shivas)                                20. Garuda (Mythologischer Vogel)

  9. Katakavardhana (Öffnen des Armreifs)             21. Nagabandha (Schlangen)

10. Kartarriswastika (gekreuzte Scheren)                22. Khatva (Bett)

11. Shakata (Schere)                                                23. Bherunda (zweiköpfiger Vogel)

12. Shanka (Muschelhorn)                                        24. Avahittha (Begierde)


Viele der Gesten mögen dem Uneingeweihten abstrakt vorkommen, doch sind sie ursprünglich aus dem Leben gegriffen. Die Sprachen der Inder sind sehr gestenreich, noch heute werden einige Gesten mit der auch im Tanz gültigen Bedeutung benutzt, wie z.B. Chatara = ein wenig, oder auch Succhi, um die Zahl 1 anzuzeigen.

Natürlich ist es hier nicht möglich, die vielfältigen Bedeutungen der einzelnen Gesten und ihrer Kombinationen aufzulisten. Hier nur ein Beispiel. So kann die Geste Chatura (Viereck) u.a. bedeuten: Moschus Parfüm, sehr wenig, Gold Kupfer, Eisen, Ghee, nass, Kleidung, Sorgen, Trauer, Liebe, Reinheit, Genuss, Augen, langsam laufen usw.

Weiterhin können durch Kombination der Gesten Götter dargestellt werden, wie z.B. Brahma = linke Hand in Chatura-, rechte Hand in Hamsasya-Stellung.

 

Neben den Handgesten spielt das Fußwerk eine wichtige Rolle. Im Grunde ist die Fußarbeit der primäre Part des Tanzes, denn Hände und Arme folgen den Bewegungen der Füße, die, zusammen mit den Bewegungen von Beinen und Hüften, die Bewegung des gesamten Körpers bestimmen. Die Bewegungen unterhalb der Hüften (Drehungen, Sprünge Gangarten) werden Chari genannt, die einzelnen Körperhaltungen Stanaka.