Deutsch-Indische Kulturgesellschaft e.V. Tübingen
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Kathak


In Indien haben nicht die Menschen, sondern die Götter den Tanz erfunden. Bereits in den ältesten religiösen Abhandlungen Indiens, dem berühmten Rigveda, wird die Schöpfungsgeschichte zum ersten Welttheater. Die erste kosmische Bewegung war demnach der Tanz des Gottes Shiva und der erste kosmische Laut der Schlag seiner Trommel. Am Anfang war nicht das Wort, sondern der Rhythmus…….

Indien hat im Grunde bis heute diese tiefe existentielle Beziehung zum Tanz bewahrt. Vor 2000 Jahren legte Bharata Muni in dem großen Werk der dramatischen Künste, dem Natyashastra, alle Regeln bis ins kleinste Detail fest. Wie alle künstlerischen Tänze Indiens, so geht auch Kathak auf jene Schritte und Körperbewegungen zurück, die im Natyashastra eingehend beschrieben sind.

Katha kahe so Kathak:“ Der, der eine Geschichte erzählt, ist ein „Kathak“.

Unter den klassischen indischen Tanzstilen gilt Kathak als die älteste und wohl auch populärste Form, deren Anfänge die sich bis auf die Zeit um 1550 vor Christus zurückdatieren lassen. Er stellt eine Synthese zweier Kulturen dar, der hinduistischen und muslimischen. Ursprünglich war Kathak eine Form des Geschichtenerzählens. Die Erzähler wanderten von Ort zu Ort in ganz Indien und erzählten durch ihren Tanz von der Größe der Götter. Es heißt, ein Kathak ist ein solcher Meister seiner Kunst, daß er ein ganzes Dorf in seinen Bann schlagen könne, und das nur mit einem Kopftuch als Requisite. Er belebte seine Kunst mit Versen und Liedern und daraus entwickelte sich allmählich das Aufführen einer Geschichte (abhinaya) in intensiver Form, aus der wiederum eine Gemeinschaft von Musikern und Tänzern entstand, die als Kathaks bekannt wurden. Einst als religiös inspirierter, erzählender Tanz in den hinduistischen Tempeln Nordindiens entstanden, ist er im Laufe des 15. Jahrhunderts zu opernhaftem Spiel erweitert worden. Unter der Herrschaft der Moguln im 16. Jahrhundert wurde aus dem Kathak dann eine höfische Tanzform, in deren Mittelpunkt der Krishna-Kult stand. Eines der Hauptthemen war die Liebe Radhas zu Krishna, ein Thema, das sehr beliebt wurde und in zahlreiche Dialekte und Sprachen einging. Obwohl Kathak eine feste Einrichtung innerhalb der Vaishnava-Verehrung war, erhielt es dennoch einen neuen Anstoß durch das Auftauchen der Moguln: die Tänzer wechselten aus dem Tempelbezirk zum königlichen Hof. In späteren Jahren nahm dieser Tanzstil eine klassische Form an, indem er sich mit den Vorgaben verband, die im Natyashastra enthalten sind. Kathak ist ein Tanzstil, der sich nicht nur auf den technischen Aspekt des klassischen Tanzes konzentriert, sondern dem Solotänzer viel Spielraum für Improvisation und Innovation einräumt. Diese Verbindung mit ihrem unglaublichen Reichtum an wunderschönen Ausdrucksformen der Hand-, Fuß- und Körpersprache, sucht ihresgleichen unter all den vorhandenen Tanzformen. \"Gats\" sind Tanzstücke im Kathak, deren Besonderheit darin besteht, daß hier Geschichten bzw. Gefühle, aber auch Szenen des alltäglichen Lebens ohne Gesang bzw. Textanlehnung getanzt werden. Wichtiges Merkmal sind spezielle Drehungen ("paltas"), nach denen der Tänzer kurz in einer inhaltlichen Tanzfigur, z.B. Krishna darstellend oder ein Gefühl andeutend, innehält. Hier zeigt sich ein geschlossenes, schamanistisches Prinzip, das möglicherweise eine sehr ursprüngliche Art der Übung des Einswerdens mit dem dssarzustellenden Charakter bzw. Göttern darstellt, die sich von dem komplexen Darstellungsmodus der indischen klassischen Tänze zunächst noch unterschied. Interessant ist auch, daß es im Kathak eine Form der \"gats\" gibt, in der der Tänzer aus den \"paltas\" heraus in einer Tanzfigur innehält, die für die abstrakte Tanzform charakteristisch ist, und in der möglicherweise der erste Schritt der Abstraktion von Tanz im Kathak überhaupt vollzogen wurde. [image]kathak02.jpg[/image]In Ermangelung einer Institution, die die Tradition des Tanzes pflegte, kam es zu einer strengen Bindung an einen Meister oder einer ganzen Familie. Dieses bewirkte eine rasches Wachstum, aber auch einen schnellen Niedergang. So kam es, dass sich Ende des 19. Jahrhunderts Kathak als die einzige klassische Tanzform Nordindiens behauptet hatte, seine Verdrängung aus den Tempeln an die Fürstenhöfe ermöglichte die Befreiung vom Tempel-Ritual. Das war einer der Gründe, dass Kathak ein verhältnismäßig anpassungsfähiger Tanzstil wurde, er galt immer als eine Kunstäußerung der Schönheit in sich selbst und wurde gespielt und genossen als natürlicher Wunsch, sich auszudrücken: eine spontane Handlung, einfach Freude spendend.
Im Kathak wendet sich die Tänzerin (oder der Tänzer) unmittelbar an den Zuschauer. Der Tanz erfordert ein hohes Maß an technischem Können, herausragend sind dabei atemberaubend schnelle und ausgefeilte Fußarbeit und Drehungen. Eine typisch Eigenschaft des Kathak ist der reine Tanz: die Knie werden nicht so angewinkelt wie in anderen klassischen Tänzen, noch beugt der Tänzer merklich seinen Oberkörper, der Tanz ist Ausdruck reiner Freude und unmittelbares rhythmisches Geschehen. Um die Fußgelenke sind zahlreiche Glöckchen (ghunroo) befestigt, und die Füße schlagen den vollen Rhythmus. Ein kennzeichnendes Merkmal des Kathak sind die schnellen Drehungen bei aufrechter Haltung, vergleichbar mit den Pirouetten des Balletts. Die Schnelligkeit der Drehungen auf einem Fuß und die Fähigkeit, am Ende die Drehung abrupt zu beschließen, zeichnet eine gute Tänzerin aus. Den Drehungen auf der Stelle schließen sich häufig solche an, die in einem großen Kreis auf der ganzen Bühnenfläche getanzt werden. Beim Kathak improvisiert die Tänzerin nur mit den Füßen, was z.B. nur noch im Flamenco erreicht wird, der allerdings bei weitem nicht diesen Formenreichtum und rhythmischen Zauber erreicht. Um Gefühle darzustellen, benutzt die Tänzerin ungekünstelte und beziehungsreiche Gesten. Sie ist nicht an feste Regeln gebunden, die Handbewegungen (hastas) sind im Gegensatz zu anderen Tanzformen nicht festgelegt. Die Virtuosität des Rhythmus ist das Anziehendste und Schöpferischste am Kathak und stellt extrem hohe Forderungen an die Tänzerin. Die Verbindung von Hindu- und Muslim-Kultur gab diesem Tanzstil eine Ausgeglichenheit, die ihn zum natürlichsten aller klassischen indischen Tänze macht, der Körper bewegt sich frei und wird nicht in unnatürliche Posen gezwungen.