Deutsch-Indische Kulturgesellschaft e.V. Tübingen
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Odissi

Die Anfänge des Odissi lassen sich bis ins 2. vorchristliche Jahrhundert zurückverfolgen, ein Tanz ist bereits als Tanz der Odras (alte Bezeichnung für die Bewohner Orissas) in der ältesten indischen Abhandlung über Theater und Tanzkunst Natyasastra erwähnt. In seiner heutigen Form erlangte der nach dem Bundesstaat Orissa benannte Tanz erst in den letzten Jahrzehnten die ihm gebührende Anerkennung als klassischer indischer Tanzstil. Die Vorläufer des modernen Odissi hatten ihren ersten Höhepunkt während der Ganapati-Dynastie. Damals war es üblich, dass die Maharis (auch Devadasi genannt = Dienerinnen der Götter) vor Tempelgottheiten tanzten, insbesondere im Jagannath-Tempel in Puri. Unter König Narasimha I. (1238-64) sollen mehrere Hundert dieser Tempeltänzerinnen in dem von ihm errichteten Sonnen-Tempel von Konarak beschäftigt gewesen sein. Aufgrund des nachlassenden königlichen Schutzes und der Ächtung während der Herrschaft der Moslems und Briten, in der die Maharis zunehmend in den Verruf der Tempelprostitution gerieten, starb die Tradition der Tempeltänzerinnen fast vollständig aus, bis sie in neuerer Zeit durch orthodoxe Brahmanen aus Puri wiederbelebt wurde.Odissi ist vorwiegend ein Solotanz, der fast nur von Frauen dargeboten wird. Seine Tanztechnik beruht auf den zwei klassischen Ausdrucksformen Nritta und der nach der furchterregenden Erscheinungsform Shivas, Batuka Bhairava, Batu-Nritya genannten Form. Nritta ist reiner Tanz ohne Inhalt und Symbole, Batu-Nritya hingegen ein Tanz, bei dem oft religiöse Themen durch eine stilisierte Form von Körperbewegungen, Beinarbeit, Handgesten und Mimik ausgedrückt werden.Der Tanz besteht aus mehreren ineinander übergehenden Teilen unterschiedlicher Länge. Die Darbietung beginnt mit einem Entree (Bhumipranam), d.h. die Tänzerin steht still auf der Bühne, bevor sie, begleitet von rhythmischen Lautsilben, gesprochen durch die Musiker, Blumen auf das Podium streut. Mit dem Einsetzen der Trommeln tanzt sie dann verschiedene Nritta-Passagen. Im nächsten Programmteil wird Shiva gehuldigt mit rhythmischen Tanzelementen und den folgenden, meist fünf Formeln der Verehrung: Begrüßung, Darbringung von Blumen, Weihrauch, Licht und Feuer sowie vegetarische Speise. In diesem Teil kommt die ganze Breite der Tanztechnik des Odissi zur Geltung.Den Schluß bildet ein rein rhythmischer, schneller Tanz (Moksanata), bei dem sich der Trommelspieler, der Sänger und die Tänzerin zu teilweise gegenläufigen, immer lebendigeren Rhythmen anspornen und so noch einmal die einzigartige Virtuosität des Odissi-Stils entfalten.Getanzt wird überwiegend auf den Fersen, besonders erkenntlich, wenn die Tänzerin kraftvoll stampfend und in genau vorgeschriebenen geometrischen Mustern vor- oder rückwärts schreitet, so dass die Fußglocken laut erklingen. Es gibt ein großes Repertoire an Drehungen, stehenden oder auch sitzenden Positionen, Sprüngen, Gangarten und Handgesten.Besonders charakteristisch für den Odissi-Tanz ist die Tribhanga-Haltung, bei der Beine, Hüfte und Kopf wie zu einer S-Kurve geformt werden, sowie die Chauka-Grundposition, in der man die Füße nach außen dreht und die Beine ein wenig beugt, sowie die Säulenposition (Stambhabheda), bei der in aufrechter Haltung die große Zehe des rechten Fußes auf die des linken gelegt wird. Eine Reihe von Tanzfiguren ähneln sehr den Steinskulpturen an den Tempeln Orissas.Die Tänzerinnen tragen traditionelle Kostüme: einen Seidensari im Webstil Orissas mit passender Blume, eine fächerförmige Schürze und einen Gürtel, der aus silbernen Plättchen zusammengesetzt ist und doppelt um die Hüfte gewickelt wird. Blumen kränzen das zu einem Knoten hoch-gesteckte Haar, das häufig durch ein Diadem geschmückt ist. Armringe, Ketten und Fußglöckchen runden die durchweg graziöse Erscheinung der Tänzerin ab. Das Gesicht wird einfach geschminkt, nur die Augenpartie wird mit schwarzer Farbe betont.
Auf der Bühne ist häufig eine Figur des Gottes Jagannath zu sehen. Es handelt sich dabei um eine einfache, schwarz bemalte Holzfigur mit großen, runden Augen. Jagannath ist eine für Orissa spezifische, volksnahe Erscheinungsform des großen Gottes Vishnu, die eine breite Verehrung findet