Deutsch-Indische Kulturgesellschaft e.V. Tübingen
Willkommen > Musikinstrumente > Violine

Violine

Eine der wichtigsten Ereignisse in der internationalen Musikgeschichte der letzten 200 Jahre ist der starke  Einfluss westlicher Musikformen (Klassik, Volksmusik, Jazz, usw.) sowie Musikinstrumente auf die traditionelle Musik im restlichen Teil der Welt. Im Hinblick auf Indien ist die Violine ein typisches Beispiel für das Vordringen eines westlichen Instruments, die zunächst in der südindischen, später dann auch in der nordindischen Musik auftritt.

Das Prinzip der Bogen-gestrichenen Saite ist allerdings nicht europäischen Ursprungs, sondern stammt wahrscheinlich aus den Sahara-Ländern Afrikas, sowie von Volksgruppen Südamerikas. Eine weitere Theorie vermutet sogar, dass die Violine ihren eigentlichen Ursprung in Indien hatte, und man ihre Entwicklung bis zu den verschiedenen alten gestrichenen indischen Saiteninstrumenten wie z.B. Ravanahasta (benannt nach dem Gott Ravana) zurückverfolgen  kann, die noch heute von Volksmusikern in Gujarat und Rajasthan benutzt wird, sowie Dhanurvina, Pinakavinar oder Kona, die bereits in alten Schriften aus dem Beginn des letzten Jahrtausends erwähnt werden. Die Verwendung eines mit Pferdehaar bespannten Bogens mag aus Zentralasien stammen, von wo er sich ostwärts bis nach China ausbreitete (Instrument Hu-ch), nach Westasien und Indien, wo sich Instrumente wie die persische Kamancheh und die indische Sarangi entwickelten, und schließlich dann bis nach Europa. Das heißt, die Violine ist ein Instrument, das im Grunde durch außereuropäische Einflüsse geprägt wurde. Einmal in der heutigen Form entwickelt und im 17. Jhd. als führendes Instrument der klassischen westlichen Musik etabliert, drang sie in viele weitere Musikkulturen ein und ist heutzutage eines der am weitesten verbreiteten Instrumente.

In Südindien reicht die Geschichte der Violine ca. 200 Jahre zurück. Man nimmt an, dass sie durch Baluswami Dikshitar (1796-1859) eingeführt wurde, einem Bruder des bekannten Komponisten Muthuswami Dikshitar (1775-1835). Es wird berichtet, dass Baluswami die Violine zum ersten Male bei der Militärkapelle von Fort St. George hörte und sich so sehr für das Instrument begeisterte, dass er einen englischen Musiklehrer erhielt. Zu ungefähr der gleichen Zeit überreichte der König von Travancore (Padmanabhadasa Ramavarma Swati Tirunal, 1813-1847) eine Violine an den Aasthana Vidwan Vadivelu Pillai an seinem Hofe, der zu dem bekannten Tanjore Tanz- und Komponisten-Quartett gehörte. Aus diesen Anfängen entwickelte sich das Instrument schnell als Begleitinstrument bei Tänzen und später als eigenständiges Soloinstrument.

Baluswami Dikshitar und Vadivelu Pillai waren somit die Pioniere für die nächste Generation bekannter Violonisten wie z.B. Varahappa Iyer, Tanjore Subba Iyer u.a. Die entscheidenden Impulse zur endgültigen Einführung der Violine in die südindische Musik gingen von Tirukkodikaval Krishna Iyer (1857-1913) aus.

Ungeachtet der relativ wenigen Berührungen zwischen westlicher und indischer Musik, entwickelte sich die Violine aus zwei Gründen als das „auserwählte“ Melodie-Instrument Südindiens: 1) Sie hat unbegrenzte Möglichkeiten der Tonbildung und -formung und erlaubt  die Erzeugung von Zwischentönen (Srutis und Gamakas), die charakteristisch für die Karnatik-Musik sind. 2) In Hinblick auf Timbre und Tonfärbung steht sie der menschlichen Stimme sehr nahe; eine Eigenschaft, die der südindischen Musik entgegenkommt, die im Grunde vokalen Ursprungs ist.

Heute ist die Violine aus der Musik ganz Indiens nicht mehr wegzudenken, sie wird als Soloinstrument, eingesetzt, sie dient als Begleitinstrument für Sänger, Flötisten, Vina-Spieler und findet sich sogar im Zusammenspiel mit Mandoline und Saxophon. Im Gegensatz zur klassischen westlichen Spielweise, bei der die Violine rechtwinkelig zum Spieler unter dem Kinn gehalten wird, hält der indische Spieler, mit gekreuzten Beinen auf dem Boden sitzend, den Geigenkorpus gegen seine Schulter gelehnt und stützt die Schnecke – das obere Ende der Geige – mit seinem rechten Fuß, wobei das Instrument ungefähr im Winkel von 45° von oben nach unten zeigt. Daher wird die linke Hand nicht zum Halten des Instruments benötigt, sondern kann sich völlig frei auf dem Griffbrett bewegen. Die Geige hat vier Saiten, die im Westen traditionsgemäß in einer festgelegten Quinten-Tonfolge gestimmt werden (G D A E). In Indien dagegen wird die Geige abwechselnd in Quint- und Quartabständen gestimmt (in Südindien häufig G D G D´, wobei die absolute Tonhöhe variabel ist. Weiterhin unterschiedet sich die indische Spielweise in Fingerhaltung, Bogenstrich, Vibrato und anderen musikalischen Techniken.

Durch seine komplette Adaptation und Integration in die indische Musik wurde die Violine nie als „Störfaktor“ in der bereits vorhandenen eigenständigen Musiktradition empfunden, im Gegenteil, sie wird als Erweiterung und Weiterentwicklung betrachtet.